Lawinenkunde

Lawinenbildung

Lockerschneelawine

Geht nur unterhalb eines Auslösepunktes (evtl. Skifahrer) ab. Auslösung nach dem „Schneeballprinzip" (= ein Teilchen stößt das nächste an usw.).

Schneebrettlawine

Ein Schneebrett ist eine gebundene Schneetafel in einer geschlossenen Schneefläche. Es ist in seiner Stabilität und Dimension nicht erkennbar und deshalb auch nicht einschätzbar.

Für einen Schneebrettabgang braucht es drei Grundbedingungen: eine gebundene Schneetafel, eine Gleitfläche und eine Hangneigung von mindestens 25°.

Die Auslösung erfolgt an einer der wenigen Schwachstellen . Hier kommt es zum „primären Scherriss" (= das Schneebrett verliert zuerst die Bodenhaftung, es beginnt abzugleiten).

Daraus folgt: Jedes Schneebrett reißt zwar sichtbar an der Zugzone (z.B. Versteilung) ab, wird aber fast immer an unsichtbaren und lokal sehr kleinen Schwachstellen (sog. „Taschen" = Durchmesser kleiner als 3m) irgendwo im Hang, punktuell (wie auf einen Auslöseknopf drücken) ausgelöst (siehe Stabilitätsverteilung).

 

Witterungseinflüsse

Neuschnee

Im Hochwinter sind ca. ¾ aller Lawinenunfälle auf Neuschneezuwachs und Windeinfluss zurückzuführen. Als kritischer Zeitraum sind die ersten beiden Tage nach einem Schneefall einzuschätzen (Setzung = Stabilitätszunahme) .

Ist die frühwinterliche Schneedecke sehr gering, und ist sie längere Zeit tiefen Temperaturen ausgesetzt, so wird sie zum Großteil in Schwimmschnee umgewandelt

(schlechtes Fundament = bleibt meist den ganzen Winter über gefährlich!).

 

Wind

Der Wind verursacht eine sehr ungleichmäßige Verteilung des Schnees. Es kommt zum sog. Hangausgleich (= Mulden werden gefüllt, Rücken freigeblasen).

Wind (mit oder ohne Schneefall) ist neben Neuschnee, der bestimmende Faktor für die Beurteilung der Lawinengefahr .

Nachdem wir uns im Einflussbereich des „Westwindbandes" (Hauptwindrichtung = Westen) befinden, sind vor allem alle Leehänge  (WNW-N-O) besonders kritisch zu betrachten.

Das Erkennen von lokalen und oft sehr kleinräumigen Windverfrachtungen vor Ort ist aber die beste Lebensversicherung.

 

Temperatur

Erwärmung  
  Normalerweise kommt es zu einer kurzfristigen Gefahrenzunahme, auf die eine wesentliche Stabilisierung eintritt.
   
gut: die Schneedecke setzt sich schneller
  die Schwimmschneebildung ist gering
schlecht: sprunghafte Erhöhung der Lawinengefahr bei Warmlufteinbruch (Föhn!)
  (bei erreichen des Schmelzpunktes verliert der Schnee seinen inneren Zusammenhang fast vollständig)
   
Abkühlung  
   
gut: eine feuchte Schneedecke wird durch Gefrieren sehr stabil
schlecht: Konservierung der Lawinengefahr auf Grund der langsamen Setzung
  Oberflächenreifentstehung in Schattenhängen
  vermehrte Schwimmschneebildung

 

Bewölkung

Bei Froststrahlungswetter (Schönwetter = wolkenlos und sehr kalt) entsteht vor allem in Schattenhängen vermehrt Schwimmschnee und Oberflächenreif .

 

Lawinengelände

Hangexposition

Der Großteil der Lawinenunfälle passiert in „Schattenhängen" (NW bis SO).

Diese bekommen einerseits sehr wenig Sonne , und andererseits wird in diese Hangrichtungen durch den Wind sehr viel Packschnee verfrachtet.

Die Sportler zieht es förmlich in die Schattenhänge, denn hier bleibt der Schnee lange locker (sehr langsame Setzung = labil!).

Außerdem wird die Entstehung von Schwimmschnee und Oberflächenreif in Schattenhängen gefördert.

 

Geländeform

Der Schnee wird durch Wind im Gelände ungleichmäßig verteilt. Mulden werden „eingeebnet" und dadurch wird eine Geländebeurteilung oft sehr schwierig.

Normalerweise sind Erhöhungen (Rücken, Grate) sicherer als Vertiefungen (Mulden).

 

Hangneigung

Je steiler der Hang, desto größer wird die Lawinengefahr.

Schneebretter können sich schon ab einer Neigung von ca. 25° lösen.

 

Oberflächenbeschaffenheit

Blockwerk, Latschen und Zwergsträucher wirken sich ungünstig auf die Setzung aus und beschleunigen die Schwimmschneebildung.

Lichter Wald schützt nicht vor Lawinen!

 

Beurteilung der Lawinengefahr

Grundsätzlich sollte jedes Unternehmen abseits der gesicherten Pisten planvoll und strategisch vorbereitet werden!

 

Lawinenlagebericht und Lawinengefahrenskala

Der Lawinenlagebericht kann im ORF-Teletext, oder über die Telefonnummer 1588 (Vorwahl der jeweiligen Landeshauptstadt) abgerufen werden.

 

Europäische Lawinengefahrenskala

Gefahrenstufen

Auslösewahrscheinlichkeit

Hinweis für den Tourengeher und Variantenfahrer.

1

gering

Eine Lawinenauslösung ist nur bei großer Zusatzbelastung*) an sehr wenigen, extremen Steilhängen möglich.

Allgemein sichere Tourenverhältnisse.

2

mäßig

Eine Lawinenauslösung ist nur bei großer Zusatzbelastung*) vor allem an den angegebenen Steilhängen wahrscheinlich.

Unter Berücksichtigung lokaler Gefahrenstellen**) günstige Tourenverhältnisse.

3

erheblich

Eine Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung*) vor allem an den angegebenen Steilhängen wahrscheinlich. Fallweise sind spontan***) einige mittlere, vereinzelt aber auch große Lawinen möglich.

Skitouren erfordern lawinenkundliches Beurteilungsvermögen; Tourenmöglichkeiten eingeschränkt.

4

groß

Eine Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung*) an den meisten Steilhängen wahrscheinlich. Fallweise sind spontan***) viele mittlere, mehrfach auch große Lawinen zu erwarten.

Skitouren erfordern großes lawinenkundliches Beurteilungsvermögen; Tourenmöglichkeiten stark eingeschränkt.

5

sehr groß

Spontan***) sind zahlreiche Lawinen, auch in mäßig steilem Gelände, zu erwarten.

Skitouren sind allgemein nicht möglich.

*) Zusatzbelastung: - groß: z.B. Skifahrergruppe, Pistenfahrzeug, Lawinensprengung

- gering: z.B. einzelner Skifahrer, Fußgänger.

**) Das lawinengefährliche Gelände ist im Lawinenlagebericht im allgemeinen näher beschrieben (z.B. Höhenlage, Exposition, Geländeform etc.);

Steilhang = Hang, der steiler als rund 30 Grad abfällt.

***) Spontan = ohne menschliches Dazutun.

Abb. 6: Europäische Lawinengefahrenskala

 

Stabilitätsverteilung (nach Bruno Salm)

Conway und Abrahamson (amerik. Lawinenforscher) haben nachgewiesen, dass es auf kurze Distanz enorme Stabilitätsunterschiede in der Schneedecke gibt.

Ist die Stabilität kleiner als 1, so kommt es zum Bruch (Lawinenabgang). Bis zum Stabilitätswert 1,5 ist eine Auslösung durch einen Menschen möglich, darüber nicht mehr.

Selbst bei akut gefährlichen Hängen, gibt es nur wenige Stellen („Taschen"), wo ein Mensch ein Schneebrett auslösen kann .

Maximal 1/3 eines Hanges hat eine Stabilität kleiner oder gleich 1 (= auslösbar).

 

Daraus folgt: Schneedeckentests (Schneeprofil, Rutschblock), liefern in bezug auf die Stabilität eines Hanges reine Zufallsergebnisse und sind daher für die örtliche Gefahreneinschätzung nicht besonders brauchbar.

 

 

Die Reduktionsmethode (nach Werner Munter)

Wer abseits der Pisten unterwegs ist, geht ein erhöhtes Risiko ein. Um es zu reduzieren, muss man strategisch vorgehen.

Der Schweizer Lawinenforscher und Bergführer Werner Munter hat eine Methode entwickelt, mit der man schon bei der Planung der Tour sein Risiko mittels einer Formel berechnen kann.

 

 

 

Die Variablen in dieser Gleichung sind einmal das Gefahrenpotential (= hier wird die momentan herrschende Gefahrenstufe des Lawinenlageberichtes eingesetzt!), geteilt durch die Reduktionsfaktoren (= Verzicht und Verhalten), die das Gefahrenpotential wiederum verringern.

Es gelten folgende Regeln:

1. Der berechnete Wert soll kleiner/gleich 1 sein.

2. Bei Anwendung mehrerer Reduktionsfaktoren werden diese multipliziert.

3. Anwendbar ist die Formel nur bis zur Gefahrenstufe 3 und bei trockenem Schnee.

4. Bei Gefahrenstufe 3 muss mindestens ein Verzichtsfaktor und dürfen max. zwei Verhaltensfaktoren gewählt werden.

 

Drei-Filter-Strategie

Die Reduktionsmethode ist das Kernstück von Munters Lawinenkunde. Sie ist auch ein wesentlicher Teil seiner „Drei-Filter-Strategie".

 

Das Restrisiko ist verantwortbar, wenn wir nur Hänge begehen, die alle drei Filter passieren.

 

1. Regionaler Filter (Tourenplanung zu Hause)

bullet Lawinenlagebericht einholen
bullet Topographische Karte 1:25.000
bullet Auswahl der Gruppenmitglieder
bullet Weitere Informationen (Wetter, Bergführer) besorgen

 

2. Lokaler Filter (Routenwahl im Gelände)

bullet Schnee
bullet Wetter
bullet Gelände

 

3. Zonaler Filter (Prüfung des Einzelhanges - „ja oder nein"?!)

bullet Steilheit
bullet Schneeverhältnisse
bullet Störschichten

 

Mensch und Lawine

Erfahrung

Bis heute gibt noch keine sichere Methode zur Bestimmung der Stabilität eines Hanges.

Um trotzdem handlungsfähig zu bleiben, muss man das Erlernte auch umsetzen können.

Je größer der Erfahrungsschatz ist, desto fundierter können Entscheidungen getroffen werden.

Nachdem die Natur (= Schneebrettgefahr) nicht verändert werden kann, muss das Verhalten der Situation entsprechend angepasst werden.

 

Planung

Das Risiko kann gesenkt werden, wenn das Tourenziel erst nach Beantwortung dieser Fragen festgelegt wird:

bullet Wie war das Wetter und wie sind die Lawinenverhältnisse?
bullet Schneedeckenaufbau?
bullet Derzeitige Wetterlage (Wind, Temperatur, Nebel, Niederschlag, Bewölkung)?
bullet Geländebeurteilung aus der Karte: Steilheit, Exposition, Relief, Kammlage, Bewuchs, Rückzugsvarianten?
bullet Sind Informationen eingeholt (TV, Radio, Bergführer)?
bullet Wer geht mit (Gruppengröße, Erfahrung, Kondition, Disziplin)?
bullet Ist entsprechende Ausrüstung vorhanden?

 

Durchführung

bullet Jeder Teilnehmer muss ein VVerschütettensuchgerät haben, das vorher überprüft wurde. Weiteres sollte jeder eine Lawinenschaufel und eine Sonde mitnehmen.
bullet Ein VS-Gerät ohne Schaufel ist sinnlos!
bullet Bei Verwendung eines
bullet Die Schneeverhältnisse laufend prüfen: Schneedeckenstabilität, Triebschnee, Lawinenbeispiele im Gelände, Setzungsgeräusche („whumm!"), Fernauslösungen.
bullet Wetterentwicklung: Temperaturanstieg, Nebel (schlechte Sicht macht eine Geländeeinschätzung unmöglich!), Sturm, Niederschlag.
bullet Die größte Bedeutung hat die Wahl des Geländes, - sowohl für den Aufstieg als auch für die Abfahrt (Steilheit, Relief, Exposition, Kammbereich).

 

Lawinengemäßes Verhalten

Lawinengemäßes Verhalten gibt keine Gewissheit, kritische oder uneinschätzbare Hänge zu bewältigen. Vielmehr ist es die beste Möglichkeit, sein Risiko zu minimieren und sollte immer angewendet werden.

Den besten Schutz bietet die Vorbeugung!

bullet Defensive und Verzicht wirken lebensverlängernd („Im Zweifel, - nie!").
bullet VS-Gerät ständig eingeschaltet am Körper tragen - Schaufel und Sonde mitführen!
bullet Fangriemen und Stockschlaufen nicht verwenden.
bullet Optimale Ausnutzung des Geländereliefs.
bullet Gegebenenfalls Entlastungsabstände einhalten.
bullet Steilere Hänge prinzipiell nur einzeln befahren.
bullet An sicheren Punkten zusammenwarten.
bullet Beobachten der im Hang befindlichen Person.
bullet Gute Führungstaktik wirkt Gruppendruck und Profilierungssucht entgegen.

 

Der Lawinenunfall

Beim Lawinenabgang

Wer sich schon vorher geistig mit der Möglichkeit eines Lawinenabganges konfrontiert, kann in einer Unglückssituation schneller reagieren.

Gelingt es nicht, aus dem Schneebrett herauszufahren, muss man versuchen an der Oberfläche zu bleiben.

„Kämpfe um dein Leben! Strample dich nach oben!"

Voraussetzung: Ski ohne Fangriemen verwenden und Stöcke ohne Schlaufe fassen! Wenn es geht: Rucksack abwerfen.

Geht man unter, muss man knapp vor Stillstand der Lawine eine Kauerstellung einnehmen und die Arme vor das Gesicht geben (Atemhöhle!).

Ob diese Maßnahmen tatsächlich funktionieren ist reine Glücksache!

Die nicht erfassten Kollegen müssen sehr genau beobachten, um das Suchgebiet eingrenzen zu können.

 

Kameradenbergung - „Die Zeit läuft!"

Je länger die Verschüttungsdauer, desto geringer wird die Überlebenschance!

Die Bergung muss sofort durch die Gruppenmitglieder erfolgen, weil es viel zu lange dauert, bis eine organisierte Rettungsmannschaft zum Unglücksort kommt.

 

STRATEGIE

Kommando übernehmen!

Verschwindpunkt und primären Suchraum markieren

Kameradenrettung

planmäßiger Einsatz

Oberflächensuche (Auge und Ohr)
VS-Suche!  
wenn kein VS-Gerät vorhanden ® Sondierung
 

in auswegloser Situation

¯

Verständigung:

Flug- und Bergrettung,

Gruppe sucht weiter!

Beim Ausgraben: Achtung auf Atemhöhle!

richtige Erste Hilfe (wie ein rohes Ei behandeln!)

Kälteschutz, Lagerung

Abtransport mit Hubschrauber

 

Das Verschüttetensuchgerät

Abb. 9: Verschüttetensuchgeräte

Das Gerät baut ein nierenförmiges elektromagnetisches Feld auf.

Jedes VS-Gerät kann wahlweise senden und empfangen.

 

GROBSUCHE:

  1. Alle stellen ihr Gerät auf die lauteste Empfangsstufe.
  2. Die Suche wird vom momentanen Standpunkt aus begonnen (oben oder unten).
  3. Der Lawinenkegel wird in Suchstreifen bis zum Erstempfang rasch abgesucht.

 

FEINSUCHE nach dem Feldlinienverfahren:

  1. Nach dem Erstempfang schwenkt man das Gerät (nicht mehr als 120° schwenken) waagrecht vor dem Körper, um die ungefähre Richtung des lautesten Tones festzustellen.
  2. Rasch geht man 6 bis 7 Schritte in diese Richtung. Der Ton wird immer lauter. STOP! (Sollte der Ton leiser werden, geht man in die entgegengesetzte Richtung).
  3. Gerät um eine Stufe zurückschalten. Waagrecht vor dem Körper schwenken. Ungefähre Richtung des lautesten Tones feststellen. Rasch 6 bis 7 Schritte in diese Richtung gehen. STOP!
  4. Gerät wieder um eine Stufe zurückschalten. Diesen Vorgang solange wiederholen, bis die kleinste Empfangsstufe erreicht ist.

 

PUNKTORTUNG

  1. Niederknien, und mit der Hand einen geraden Strich in den Schnee machen.
  2. Mit dem Gerät sucht man auf dieser Linie den lautesten Punkt. Markieren.
  3. Hier im rechten Winkel zur ersten Linie wieder einen Strich ziehen. Lautesten Punkt suchen. BINGO! (= Liegepunkt!)
  4. Sonde einstechen und seitlich (Atemhöhle!) zu dieser hin den Verschütteten so schnell man kann ausgraben.

 

Der Lawinen-Airbag

Funktion:

 

In einem Spezialrucksack befindet sich ein zusammengefalteter Ballon. Im Ernstfall zieht man an einer Reißleine und der Ballon füllt sich.

Durch diesen erhöht sich der Auftrieb und der Verunglückte sollte an der Oberfläche der Lawine bleiben.

Auch bei Verwendung eines Lawinen-Airbags muss zusätzlich noch ein VS-Gerät getragen werden.

 

Informationsmöglichkeiten

bullet Berg- und Skiführer
bullet Lawinenlagebericht
bullet Alpinwetterdienste
bullet Rundfunkdurchsagen
bullet Bergrettung, Gendarmerie, Tourismusverband
bullet örtliche Lawinenwarnkommission
bullet Bergbahnen
bullet Skischule

 

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